Bürgerengagement

Bahnhof Leutkirch: Engagierte Bürger renovieren das repräsentative Gebäude und sorgen für seine Nutzung. – Foto: In aller Munde


Fleißige Hände retten den Bahnhof

In der Großen Kreisstadt Leutkirch im Allgäu haben 500 Bürger einen maroden Bahnhof übernommen. Sie renovieren ihn und sorgen für eine attraktive Nutzung. Die Gemeinde profitiert gleich doppelt: Sie ein teures, altes Gebäude los und erhält Erbpacht für Grund und Boden.

Einst stand Leutkirch im Allgäu (22.000 Einwohner, Baden-Württemberg) vor der gleichen Herausforderung, vor der viele Gemeinden stehen: Die Deutsche Bahn hat kein Interesse mehr an alten Bahnhöfen, die viel zu groß sind für den heutigen Bedarf und an denen der Zahn der Zeit unablässig nagt. 1998 war es soweit: Die Stadt erwirbt den Bahnhof, der schon damals nur noch zu 20 Prozent von der Bahn genutzt wird. Der Gemeinderat setzt für viel Geld Architekten ins Brot, die eine luxuriöse Stadthalle aus dem denkmalgeschützten Bahnhof planen sollen. Nachdem die Pläne fertig gestellt und die Kosten erhoben sind, wird schnell allen Entscheidungsträgern klar, dass aufgrund der klammen Haushaltslage die über fünf Millionen Euro Baukosten nicht zu schultern sind. Danach fällt das historische Bahnhofsgemäuer in einen Dornröschenschlaf.

Viel Zeit ging ins Land. Zeit, während der sich der Zustand des Gebäudes nicht gebessert hat. Der Gemeinderat entschied sich schließlich nach langer Debatte für den mutigsten aller Vorschläge. Dieser kam von einer Bürgerinitiative und sah vor, den Bahnhof in Form einer zu gründenden Bürgergenossenschaft zu kaufen. Mit Zuschüssen von Land, Stadt und Denkmalamt – nicht mehr und nicht weniger, als ohnehin bei einer Sanierung geflossen wären – wollte die Bürgergenossenschaft den Bahnhof in Eigenregie erneuern.

Genossenschaft mit 500 Mitgliedern

Laut Kostenvoranschlag fehlte nicht weniger als eine Million Euro. „Die bringen wir zusammen“, heißt es seitens der engagierten Bürgerbahnhof-Befürworter. Aber wie? „Uns war klar, dass das keine Privatveranstaltung weniger Bürger sein darf“, sagt Christian Skrodzki, Mitinitiator und heute Vorstand der Bürgergenossenschaft. „Im Gemeinderat herrschte Konsens darüber, dass die Zahl der Mitglieder dreistellig sein muss.“ Denn, so Skrodzki, „nur wenn so ein Projekt einen breiten Konsens in der Bevölkerung findet, dann funktioniert es auch“.

Und wie: Inzwischen zählt die Leutkircher Bürgerbahnhof eG fast 500 Mitglieder, die die fehlende Million Euro zum Gelingen des bis dahin einmaligen Projekts eingesammelt hat. Die Genossenschaft ist nicht etwa Träger einer GmbH oder in Form einer Beteiligungsgesellschaft organisiert – der Bahnhof gehört tatsächlich der Genossenschaft, die also auch für alles haftet, was dort geschieht.

Die eG hat Gebäude und Grundstück auf Erbpacht-Basis erhalten. Die Stadt hat den Bahnhof an die Gesellschaft in Bürgerhand, die vollkommen ehrenamtlich funktioniert, verkauft. „Anstatt jährlich zwei- bis dreistellige Summen in den Erhalt eines Gebäudes zu investieren, ist die Stadt den Bahnhof und die damit verbundenen Sorgen los und erhält zudem noch 10.000 Euro Erbpacht pro Jahr“, freut sich Skrodzki. Als ehemaliges Gemeinderatsmitglied weiß er, wie solche Nachrichten in den Ohren der Stadt-Oberen klingen müssen.

Bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie man rund 500 Bürger dazu bringt, je 1000 Euro oder ein Vielfaches dieser Mindesteinlage für eine Mitgliedschaft in einer Genossenschaft hinzublättern, die zu Beginn des Projekts nicht mehr vorzuweisen hatte, als einen maroden Bahnhof und ein paar wirr klingende Ideen, kamen die Initiatoren schnell auf die breit getragene Akzeptanz in der Bevölkerung. Sie war der Schlüssel zum Erfolg. Sie ist maßgeblich verbunden mit dem Einsatz sogenannter Bahnhof-Botschafter, die Mitgliederanteile voller Begeisterung unter die Leute brachten.

Rendite ist nicht das Wichtigste

Rund 60 angesehene Bürger der Stadt, die hinter dem Projekt stehen, warben unablässig Mitglieder an. In Vereinen und an Stammtischen, in Betrieben und auf Geburtstagsfeiern wurde „bist du schon Mitglied?“ ein geflügeltes Wort in der Stadt. „Wenn mal der und der und der auf der Liste stehen, dann kommt der Rest von alleine“, so Skrodzki. Wichtig war den allermeisten Anteilseignern der Genossenschaft aber nicht die Aussicht auf Rendite, also die Verzinsung ihrer Einlage. Genossenschaftsvorstand Skrodzki: „Die Leute wollten das Geld nicht spenden. Sie waren bereit, Geld für eine gute Sache zu geben. Aber nicht einfach so. Durch das Genossenschaftsmodell sind sie Miteigentümer eines Bahnhofs, mit dem sie vielleicht persönliche Erinnerungen und allerhand Geschichten verbinden. Wenn alles läuft wie geplant, dann profitieren sie sogar noch in Form einer Dividendenzahlung davon. Aber das war und ist nicht das Entscheidende.“

Dass die Summe schließlich zusammengekommen ist und dass die Umbauarbeiten unter großer Anteilnahme der Bevölkerung große Fortschritte machen, hatte auch viel mit dem schlüssigen Konzept zu tun, das sich die Initiatoren ausgedacht haben. So entsteht bis zur Einweihung im Frühjahr 2012 im Erdgeschoss eine Hausbrauerei und ein großer Gasthof. In der ersten Etage werden kreative Unternehmen einziehen, und im Dachgeschoss des Bahnhofs präsentiert sich die Stadt Leutkirch unter Mitwirkung und Mithilfe Leutkircher Innovations- und Marktführer sowie der EnBW als „Nachhaltige Stadt“. Diese Ausstellung über den Beitrag der Menschen und Betriebe vor Ort zur Energiewende rundet das bürgerschaftliche Gemeinschaftsprojekt ab.

Etwas Außergewöhnliches leisten

Auch viele Handwerksbetriebe, ehrenamtliche Helfer, mehrere wiedereingegliederte Arbeitslose und unzählige stille Helfer haben dafür gesorgt, dass die vielen kleinen Probleme gelöst werden konnten. Und schließlich hat auch die Presse mitgemacht und das Projekt positiv begleitet – auch das ist in einem solchen Zusammenhang ungeheuer wichtig.

Und was bedeutet so ein Projekt schließlich für die Vorstände und den Aufsichtsrat der Genossenschaft? Also für die, die tatsächlich ihren Kopf hinhalten müssen für die Idee, die sie einst hatten? „Das ist ein ehrenamtlicher Halbtagesjob für uns im Vorstand. Aber es ist auch ein sehr spannender Job“, sagt Christian Skrodzki stellvertretend für Vorstandskollege Axel Müller, Jörg Kuon (Aufsichtsratsvorsitzender) und andere, die viel Zeit vor, in und mit dem Bahnhof verbringen – insbesondere die Handwerker. Aber: Sie alle verbindet die Gewissheit, etwas Außergewöhnliches für die Gemeinschaft zu schaffen. Und was sonst soll engagierte Bürger antreiben, wenn nicht dieses gute Gefühl.

Raimund Haser

Der Autor
Raimund Haser ist Geschäftsführer der Agentur Inhalt in Leutkirch

News

Gewässerschutz
31.07.2014

Umweltbundesamt bewertet Fracking kritisch


Breitbandausbau
30.07.2014

Bundesnetzagentur öffnet Vectoring-Liste


Öffentlicher Raum
29.07.2014

Unterirdische Oase für München


Wasserwirtschaft
29.07.2014

Energiebilanz soll verbessert werden


Leser- und Aboservice

Abo-Service/Vertrieb

Tel. 0791/95061-90
Fax 0791/95061-41
E-Mail schreiben

Stellenmarkt

Aktuelle Stellenangebote bei jobstimme.de

 

pVS - pro Verlag und Service GmbH & Co. KG
Stauffenbergstraße 18
74523 Schwäbisch Hall

Tel. 0791/95061-0
Fax 0791/95061-41
E-Mail schreiben